
Stadt Minden bezeichnet Berichterstattung des MT als „irreführend“. Und nun?

Dieser Text von Edgar Wilkening erscheint hier als exklusive Vorabveröffentlichung von „Das Herz der Stadt“ mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers.
"Die Stadt Minden weist darauf hin, dass der im Mindener Tageblatt erschienene Artikel (...) irreführend ist."
Quelle: Webseite der Stadt Minden auf www.minden.de am 26. September 2020.
Als „irreführend“ bezeichnet die Stadt Minden auf ihrer Webseite die Berichterstattung des Mindener Tageblatt. Und bemüht sich dann nach Kräften, die entstandene „Irre“ irgendwie wieder aus der Welt zu schaffen.
Damit warnt die Stadtverwaltung öffentlich und ganz offiziell vor falschem Vertrauen – und schlägt in eine ähnliche Kerbe wie dieser lesenswerte Bericht hier.
Amtlich attestierte Irreführung: Für eine Zeitung ist das ein Schlag ins Gesicht.
Denn es entzieht einem Medium, dessen Geschäftsmodell auf Glaubwürdigkeit basiert, den Boden. Zumal, wenn es um Berichte rund um demokratische Wahlen geht.
Wenn nur ein einzelner Leser aufgrund irreführender Berichte im Lokalblatt nicht von seinem Stimmrecht Gebrauch macht, ist schon das ein Schaden für die Demokratie.
Umso mehr, wenn es womöglich ein paar Dutzend Leser sind. Oder gar einige Hundert. Erst recht, falls die Wahl knapp ausgehen sollte. Dann kann schnell der Vorwurf der Wahlmanipulation im Raum stehen.
"Jede Stimme zählt, jeder Wahlberechtigte muss teilnehmen können – ausnahmslos. Wenn es trotzdem dazu kommt, dass Menschen ihr Kreuz nicht machen können, (...) dann ist das keine Petitesse." MT-Chefredakteur Benjamin Piel
Quelle: „Der Standpunkt“ im Mindener Tageblatt vom 26. September 2020 (Plus-Inhalt/Bezahl-Content)
Recht hat der Mann oben im Zitat: Irreführende Berichterstattung, die eine Wahl beeinflussen könnte, ist keine Petitesse.
Irreführende Berichterstattung: Für eine Zeitung hat dieses Urteil den gleichen Stellenwert wie irreführende Abgaswerte für einen Autohersteller oder irreführende Bilanzen für eine Digitalbank.
Es stellt das Geschäftsmodell ganz grundlegend und vollständig in Frage. Weil die Anbieter dem, wofür sie im Kern versprechen einzustehen, nicht gerecht werden.
Der Fisch stinkt immer vom Kopf her.
Deshalb ist es richtig, dass im Fall VW die Staatsanwaltschaft gegen Martin Winterkorn ermittelt, den Verantwortlichen für den Abgasbetrug. Deshalb ist es richtig, dass im Fall wirecard Markus Braun als Verantwortlicher hinter Gittern sitzt.
Und bei einer Zeitung? Wer ist da derjenige, der zur Rechenschaft gezogen werden muss, weil er die Verantwortung für amtlich bestätigte Irreführung trägt?
Ich wette, es läuft wie immer auf eine butterweiche Entschuldigung hinaus.
Und dann: business as usual. Immer hübsch weiter so, solange immer noch ein paar Leser bereit sind, für irreführende Berichterstattung zu bezahlen? Und Anzeigenkunden sich immer noch gut aufgehoben fühlen in einem irreführenden Umfeld.
„Ich entschuldige mich ausdrücklich für den Fehler und den dadurch entstandenen Schaden.“
Würden Sie einen Martin Winterkorn mit so einem butterweichen Bekenntnis davonkommen lassen? Würden Sie einen Markus Braun danach auf freien Fuß setzen und weitermachen lassen?
Die Entscheider im Zeitungshaus sind gut beraten, den Fall nicht als Petitesse abzutun.
Sondern so ernstzunehmen, wie ihr Chefredakteur es selbst anmahnt. Und dann die Konsequenzen daraus zu ziehen. Höchste Zeit, dass sich was ändert in Mindens Medienlandschaft.
Redaktioneller Nachtrag, 28. September 2020
Ich habe meine angebotene Wette von oben verloren: Nicht mal für eine Entschuldigung hat’s gereicht … Eine butterweiche Richtigstellung in der MT-Ausgabe vom 28. September 2020 (also am Tag nach der Wahl) ist alles, um die von der Stadt kritisierte Irreführung zu korrigieren.
Lustigerweise mit dem freundlichen Hinweis, Wähler „konnten bis gestern, 16 Uhr“ ihre Stimme abgeben – also ausdrücklich in der Vergangenheitsform. Tja, vielleicht hätten sie es sogar gemacht, wenn sie denn nicht vorher in die Irre geführt worden wären.
Vielleicht etwas hart geschossen. Allerdings: Redaktionelle Schlamperei, Fehler im Sprachgebrauch usw. gehen mir schon lange auf den Geist. Manchmal sind noch nicht einmal die „5 W“ der Berichterstattung enthalten (hab ich in Klasse 8 Realschule gelernt). Und immer wieder diese weichgespülte, schwülstige Geleier: so toll, dass wir mündige und aufmerksame Leser (natürlich dank unserer redaktionellen Arbeit) haben, denen so etwas auffällt… Hätten die Redakteure das getan, für das der Leser sein Abo zahlt und sie letztendlich ihr Geld bekommen, nämlich redigieren und würden sie nicht zunehmend unredigierte zugekaufte Seiten in die Zeitung mogeln (oder wurde auf den Automobilseiten schon mal erwähnt, dass sowohl Text als auch Bild kostenlos von der Industrie zur Verfügung gestellt werden), müsste ich mich nicht fast täglich über unser MT-Abo ärgern. Dass Lokalpresse auch anders funktioniert? Jeder kann sich da selbst schlau machen, z.B. im Urlaub.